Startseite Aktuelles Appell für eine rationale und nachhaltige deutsche und europäische Klimapolitik
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Appell zum Innehalten und Nachdenken über eine rationale und nachhaltige deutsche und europäische Klimapolitik in Sachen Pflanzentreibstoffe

I. Pflanzentreibstoffe sind keine vernünftige Antwort auf Klimafolgeprobleme und peak oil
Die Massenproduktion von Diesel und Ethanol aus Nutz- und Nahrungspflanzen wirft nach aller vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnis eine Reihe von gravierenden Problemen auf, ohne dass mehr als eine marginale Substitutionswirkung bei fossilen Treibstoffen einträte.
Schon der heutige Flächenverbrauch für Treibstoffzwecke hat erheblich zu einem rapiden globalen Preisanstieg bei pflanzlichen Nahrungsmitteln und indirekt bei tierischen Erzeugnissen geführt. Notleidende sind vor allem die Armen auf allen Kontinenten.
Die Etablierung eines Weltmarktes für Ethanol und Diesel auf pflanzlicher Basis bewirkt einen enormen neuen Schub zur Abholzung originärer Wälder, wie heute schon u.a. in Brasilien, Indonesien und Malaysia zu beobachten ist.
Diese Umstände treffen vor allem die Armen, auch in den treibstoffproduzierenden Staaten, die Biodiversität, Natur- und Klimaschutz sowie den Wasserverbrauch stark negativ.
Die Produktion von Treibstoffen in gemäßigten Klimazonen zeigt eine negative Energiebilanz. Eine Netto-CO2-Entlastung findet nicht statt.
Für die Importregionen - vor allem Nordamerika und Europa - werden neue landwirtschaftsbezogene Subventionsmechanismen installiert und es entstehen neue Rohstoffabhängigkeiten von wiederum ganz wenigen Exportstaaten.

II. Sinnvolle energetische Nutzungen von Pflanzen gibt es durchaus
Vor allem für eine dezentrale Versorgung in Gebieten, die nicht vernetzt sind, bieten sich vielfältige Möglichkeiten.
Die Nutzung von bislang nicht genutzten marginalen oder ruderalen Böden durch geeignete angepasste und mehrjährige Pflanzenarten erscheint sinnvoll, die zudem ein Beitrag zu Bodenschutz und -verbesserung sein kann.
Die Nutzung von Pflanzenresten u.a. biogenen Stoffen ist vor allem in einem System von Kraft-Wärme-Kopplung energieffizient.
Bei allen energetischen Nutzungen von Biomasse ist die Wirkung auf die Verfügbarkeit für die Rückführung oder den Verbleib von organischem Material für die Böden zu beachten, das betrifft auch die BTL-Techniken.

III. Wir fordern daher die deutsche Bundesregierung, den Deutschen Bundestag und die Europäischen Institutionen auf:
Suspendieren Sie national und europäisch die 2006 ff. normierten Beimischungsquoten. Der Appell des Generalsekretärs der Vereinten Nationen ebenso wie die teils gewalttätigen Unruhen in vielen Ländern infolge drastisch gestiegener Lebensmittelpreise müssen ernst genommen werden. Sicherlich ist die Treibstoffproduktion nicht der einzige Faktor der Verteuerung der Grundnahrungsmittel. Aber er ist ein durchaus relevanter.
Ein "Runder Tisch" aus Wissenschaften, Politik, Landwirtschaft, Naturschutz, Nichtregierungsorganisationen und Fachinstitutionen wie dem Umweltbundesamt, der Europäischen Umweltagentur, dem Rat von Sachverständigen für Umweltfragen, dem Wissenschaftlichen Beirat für Globale Umweltveränderungen u.A. sollte einen Vorschlag für eine nachhaltige energetische Nutzung von Biomasse aus-arbeiten. Dazu gibt es aus wissenschaftlicher Sicht bereits erheblich fortgeschrittene Vorarbeiten. Dann könnte Ende 2009 eine revidierte EU-Strategie beschlossen werden.
Gestalten Sie einen breiten europäischen und nationalen Dialog über Pflanzentreibstoffe, bevor neue dauerhafte Subventionsmechanismen begründet werden.
Biomasse bleibt nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen quantitativ eine Nische unter den regenerativen Energien. Wind und Sonne sind die Hauptträger einer nachhaltigen Energieversorgung. Bei Fahrzeugen ist regenerativ und dezentral erzeugter Wasserstoff der Energieträger der Zukunft.

Unterzeichner:

PD Dr. Stephan Albrecht, Vorsitzender der VDW, Universität Hamburg

Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, Max-Planck-Institut für Physik, Werner-Heisenberg-Institut, München

Prof. Dr. Hartmut Graßl, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg

Dr. Angelika Hilbeck, Institut für Integrative Biologie, ETH Zürich, Schweiz

Christine von Weizsäcker, Ecoropa, Bonn

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, University of California, Bren School, Santa Barbara, USA

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