60 Jahre Russell-Einstein-Manifest

60 Jahre Russell-Einstein-Manifest 2017-03-12T14:55:46+00:00

Neue Publikation der VDW e. V.

Sechzig Jahre nach der Veröffentlichung des Russell-Einstein-Manifests diskutierte eine Expertenrunde in Berlin die aktuellen Bemühungen um die nukleare Abrüstung sowie die nächsten Abrüstungsschritte. Zum 61. Jahrestag des Russell-Einstein-Manifests veröffentlicht die VDW nun Vorträge und Diskussionsbeiträge der Veranstaltung, u. a. von Egon Bahr, der dort seinen letzten öffentlichen Vortrag in Deutschland hielt. Der Tagungsband steht Ihnen hier zum kostenlosen Download zur Verfügung:

60 Jahre Russell-Einstein-Manifest [PDF; 2,6MB]

Zu der Veranstaltung am 9.07.2015 hatten VDW und die deutsche Pugwash-Gruppe gemeinsam mit der IPPNW, der IALANA, der NatWiss – Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit und dem Deutsch-Japanischen Friedensforum eingeladen.

Hintergrund: Russell-Einstein-Manifest 1955

Bertrand Russell übergab am 9. Juli 1955 der Presse eine Stellungnahme zur nuklearen Kriegsführung, die als Russell-Einstein-Manifest in die Geschichte eingegangen ist: „Es wird auf das absolute und nicht wieder gut zu machende Unglück besonders hingewiesen, das mit einer solchen Kriegsführung verknüpft sein würde.“ Der Text fußt u. a. auf Gesprächen mit Albert Einstein, der seine Unterschrift für die Erklärung noch in den letzten Tagen seines Lebens gegeben hatte. Unterschrieben hatten sie insgesamt 10 Nobelpreisträger, meistens Naturwissenschaftler. Neben dem Verzicht auf Nuklearwaffen forderten Sie die Beseitigung des Krieges überhaupt. Es sei dringlich, „irgend einen anderen Weg zu finden, mit dem internationale Streitigkeiten beigelegt werden können.“ Damit mischten sich Wissenschaftler in die Politik ein!

Russell-Einstein-Manifest nach 60 Jahren

Die Veranstaltung zu 60 Jahre Russell-Einstein-Manifest begann mit einer thematischen Einführung des VDW-Vorsitzenden Prof. Ulrich Bartosch. Er betonte die besondere, weiterhin bestehende Aufgabe, die sich für die Wissenschaft aus der Schaffung der Atombombe ergibt: „Sie war das Ergebnis wissenschaftlicher Neugier und technischen Könnens. (…) Ihr Auftrag musste daher sein, miteinander – jenseits aller politischen Standpunkte – über diese Gefahr zu reden.“

Prof. Harold Kroto, Nobelpreisträger für Chemie 1996, verwies in seiner kurzen Videobotschaft auf sein enges Verhältnis zu dem Pugwash-Gründer Jo Rotblatt, und er plädierte für eine Rückbesinnung auf die humanitären Werte: „Remember your humanity and forget the money“, änderte er den ursprünglichen Ausruf des Manifestes.

Prof. Klaus Gottstein, langjähriger Pugwash-Beauftragter der VDW und Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft, begann seine historische Einführung mit der ersten Konferenz 1957 im kleinen kanadischen Fischerdorf Pugwash. Aus der Perspektive des Insiders mit langjähriger Erfahrung gab er Einblicke in die Mechanismen und Wirkungen der Pugwash-Arbeitsweise früherer Jahre.

Prof. Jürgen Scheffran zeigte im Detail die einzelnen Beiträge von Wissenschaftlern in Forschungsgruppen und Kongressen (u. a. in Deutschland) auf, die zur Dämpfung des Wettrüstens beigetragen haben. Scheffran schließt mit dem Satz „Wissen ohne Verantwortung bleibt ebenso problematisch wie Verantwortung ohne Wissen.“

Der Festvortrag von Bundesminister a. D. Prof. Egon Bahr stand im Zentrum des Berliner Diskurses. Er nahm das Publikum auf eine faszinierende geostrategische Reise mit: von den Ursprüngen des Konzepts in der Palme-Kommission, über die Beendigung des Kalten Krieges bis hin zu einer Analyse der heutigen Krise zwischen den Großmächten inkl. Ukraine. Bahr hob die Rolle der Wissenschaftler hervor: „Das Russell-Einstein-Manifest markiert die Revolution, dass Wissenschaftler vor Gefahren warnen, auf die die Politik antworten muss.“

Die Rede von Egon Bahr war prägnant, politisch und mit vielen Erinnerungen angereichert, vor allem aber war sie aktuell und vorausschauend. Am 19. August 2015 verstarb der große deutsche Friedenspolitiker in Berlin. Alle traf diese Nachricht völlig unvorbereitet. Die Gäste des Symposiums vom 9. Juli werden einen engagierten und fordernden Diagnostiker der Gegenwart in Erinnerung behalten. Der Beitrag zum Jubiläum des Russel-Einstein-Manifestes war seine letzte öffentliche Rede in Deutschland.

Aktuelle Herausforderungen

Eine Podiumsdiskussion nach den Vorträgen und eine Debatte mit dem Publikum machten die unterschiedlichen Wege und Positionen wichtiger deutscher Akteure deutlich. Die Stellvertretende Beauftragte der Bundesregierung für Fragen der Abrüstung und Rüstungskontrolle, Susanne Baumann, legte die Position der Bundesregierung dar. Sie trat für schnelle Fortschritte bei der nuklearen und konventionellen Abrüstung und Rüstungskontrolle ein. Sie sah auch, dass ein Verbot von Nuklearwaffen notwendig sei. Dieses Ziel sei aber weit entfernt.

Agnieszka Brugger, MdB und Sprecherin für Sicherheitspolitik und Abrüstung sowie Obfrau im Verteidigungsausschuss und im Unterausschuss Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung, plädierte für die Ziele der „Humanitären Initiative“, die den Einsatz von Nuklearwaffen „unter allen Umständen“ verbieten will. Hier stünden sich der „Schritt für Schritt“-Ansatz der Sicherheitspolitik und der globale Verbotsansatz einer Koalition von über 150 UN-Staaten entgegen. Brugger forderte von der Bundesregierung den Abzug taktischer NATO-Nuklearwaffen und plädierte für mehr „Visionen, Kreativität und Rückgrat“.

Reiner Braun, Ko-Sprecher von Kooperation für den Frieden und Ko-Präsident des Genfer „International Peace Bureau“, kritisierte die „Besitzstandwahrung der Nuklearwaffenstaaten, die geplanten Modernisierungen ihrer nuklearen Streitkräfte und forderte eine „Entspannungspolitik von unten“ sowie einseitige Abrüstungsschritte.

Schließlich forderte der IALANA-Vorsitzende Otto Jäckel von der Bundesregierung eine klare Haltung bezüglich der restlichen ca. 20 Nuklearwaffen in Deutschland. Deutschland solle jegliche Beteiligung an einem Nuklearwaffeneinsatz ablehnen, da es sich dabei um die Beteiligung an einem Kriegsverbrechen handele, und die nukleare Teilhabe kündigen. Die Diskussion mit dem Publikum verlief kontrovers und machte deutlich, dass die Polarisierung zwischen den Anhängern der Humanitären Initiative und des Rüstungskontrollansatzes wohl eher zugenommen hat.

Beiträge im Buch

Ulrich Bartosch Begrüßungsworte des VDW-Vorsitzenden

Harold Kroto 60 Years Russell Einstein Manifesto: Videobotschaft zu Joseph Rotblat und seiner Mission

Klaus Gottstein Rückblick auf die „Methode Pugwash“

Jürgen Scheffran Wissenschaft und Frieden

Egon Bahr Erfahrung mit Wissenschaftlern und die neuen Herausforderungen für die Europäische Sicherheit – Chancen für Rüstungskontrolle und Abrüstung

Götz Neuneck Einführung für das Panel: Was sind die Herausforderungen für die nukleare Abrüstung? – eine aktuelle Analyse

Susanne Baumann Nukleare Abrüstung in schwierigen Zeiten

Agnieszka Brugger Nukleare Abrüstung und eine atomwaffenfreie Welt sind Kernanliegen deutscher Außenpolitik

Reiner Braun Aktuelle Herausforderungen für die Abschaffung aller Atomwaffen

Otto Jäckel Atomausstieg und nukleare Abrüstung – Widersprüche und Versäumnisse deutscher Politik

Das Buch „60 Jahre Russell-Einstein-Manifest –Remember Your Humanity and Forget the Rest! Herausforderungen für die nukleare Abrüstung“, herausgegeben von Ulrich Bartosch, Götz Neuneck und Ulrike Wunderle, steht Ihnen zum kostenlosen Download hier zur Verfügung:

60 Jahre Russell-Einstein-Manifest [PDF; 2,6MB]